
Karta-Bar Schaan

JAHR
2019
STANDORT
Schaan
INSTITUTION
Verein ELF
Wenn räumliche Entwicklung als kulturelle Praxis verstanden wird, werden die Menschen, die einen Ort bewohnen, zu den Expert:innen seiner Zukunft.

Schaan war die erste Schwerpunktgemeinde des Verein ELF, eine von Luis Hilti und Toni Büchel gegründete Institution als langfristige kulturelle Infrastruktur für die räumliche Entwicklung in Liechtenstein. Der Verein ist ein Teil des als Netzwerk organisierten Atelier Gapont. Das Format ist programmatisch: elf Jahre, elf Gemeinden, eine pro Jahr, ein Versuch, das Land als Ganzes zu denken, einen Ort nach dem anderen.

Im frisch restaurierten Gamanderstall richteten wir die Karta-Bar ein — teils Ausstellung, teils Workshop, teils Bar. Sie war weniger als Veranstaltungsort denn als diskursive Arena gedacht: ein temporärer öffentlicher Raum, in dem Bewohner:innen und Besucher:innen über ihren Lebensraum nachdenken und über mögliche Zukünfte spekulieren konnten — nach dem Prinzip, dass je schwieriger das Thema, desto geselliger der Rahmen sein muss.
Das Jahr begann im Massstab des Landes. Ein topografisches Modell Liechtensteins, sechshundert Kacheln, jede ein halbes Quadratkilometer gross, auf einer Seite rot, auf der anderen grün, wurde auf dem Boden ausgelegt. Auf jeder Kachel lag ein Schälchen mit Essen oder Trinken. Sobald eine Kachel geleert war, musste sie gewendet werden, rot für Bauzone, grün für Grünzone. So entstand im Laufe des Essens langsam ein kollektiver Zonenplan.


Begleitet wurde dies von einem strukturierten Gespräch, das von biografischen Fragen zu räumlichen Spekulationen führte: Wo bist du aufgewachsen? Welche Orte gibt es seither nicht mehr? Wohin gehst du heute, wenn du allein sein willst?
Debatten über die Rheinverbreiterung, den öffentlichen Verkehr, Urbanität und die Zukunft der Liechtensteiner Alpen brachten Fachleute, Behördenvertreter:innen und Bewohner:innen in denselben Raum.


Vom Land zoomten wir auf das Dorf. Quartiersbegehungen durch Schaan zeichneten nach, wie sich der Alltag über Generationen verschoben hat, während ein gut besuchter Abend mit dem Bürgermeister eine einzige Frage auf den Tisch brachte: Entsteht in Schaans Zentrum still und leise Liechtensteins erste Stadt? Eine Primarschulklasse zeichnete einundzwanzig Karten ihrer Schulwege, einundzwanzig Arten, dasselbe Dorf zu sehen, und stellte sie in der Karta-Bar aus.
Das Format schuf Raum für Stimmen, die in der Planung selten in ihrem eigenen Register zu hören sind. Mitten in einer Diskussion warnte ein Schreiner vor Übergestaltung: «Wir reden nur davon, für die nächste Generation zu bauen und zu gestalten. Aber vielleicht wollen die einfach auf einer Treppe sitzen und Zigaretten rauchen. Die werden Bagger brauchen, um unsere Planungen rückgängig zu machen.» Vorstellungskraft, so machte das Jahr deutlich, ist nicht nur die Lizenz zum Hinzufügen, sie ist auch die Disziplin, Raum zu lassen.


Statt einer einzigen Schlussfolgerung produzierte das Jahr ein Archiv. Fünf Illustrator:innen, Adam Vogt, Eliane Schädler, Alina Sonea, Roman Beck und Luigi Olivadoti, übersetzten die Diskussionen in neue Karten des Landes.
Das Pilotprojekt etablierte die Formate, die Partnerschaften und das Publikum, die den Verein ELF seither von einer Liechtensteiner Gemeinde zur nächsten getragen haben. In Schaan aufgeworfene Themen, Zersiedelung, die Zukunft der Landwirtschaft, der Verlust der Artenvielfalt, sind in späteren Jahren wieder aufgetaucht, manchmal durch den neuen Kontext verändert, und haben so im Laufe der Zeit ein diskursives Palimpsest aufgebaut, das kein einzelner Masterplan hervorbringen kann: eine gemeinsame kulturelle Infrastruktur für das Nachdenken über die räumliche Zukunft des Landes.


The pilot established the formats, the partnerships and the audience that have since carried Verein ELF from one Liechtenstein municipality to the next, building the kind of discursive palimpsest no individual master plan can produce.


Presse













